Sonnenuntergang. Draußen ist es grau, der Himmel ist mal wieder bewölkt, und die Sonne scheint sich vertreten zu lassen durch einen Abglanz ihres Lichtes. Es nieselt ganz leise, kaum merkbar, und die kleine Wiese neben der Garage trägt ein feuchtes, sehr dunkles Grün. Hier im Rheinland gibt es Wochen, die geprägt sind vom Grau des Himmels, das sich verbindet mit jenem des Betons, der allgegenwärtig ist. Man hat manchmal das Gefühl, oder besser: die Gewissheit, dass es immer so bleiben könnte. Ein Gefühl von Unwirklichkeit kann entstehen. Wieder in dieser Atmosphäre zwischen Licht und Schleier angekommen, erinnert sich die Malerin an Nepal, das noch vor kurzem erlebbar war und nun zu einem fernen Sehnsuchtsort schmilzt. Das Fenster ihres Ateliers weist auf den Garagenhof hinaus und spendet ihr das Licht für die Malerei.

Sie malt einen Sonnenuntergang, einen so schönen wie ihn ihr Fenster vielleicht nie gesehen hat. Sie malt das letzte Glimmen eines Tages, das Orange der letzten Spiegelung in einem am Himmel schwebenden gelblichen Wolkenband. Der Horizont liegt schon ganz schwarz im letzten möglichen Gegenlicht und gleich wird es ganz dunkel sein. Wer einen Blick über seine Schulter wagt, wird die Nacht und ihre ersten Sterne sehen können. Der Horizont ist weit entfernt, er verschwimmt mit dem Himmel und es gibt weder einen Gegenstand noch etwas an Landschaft Erinnerndes zu erkennen. Es ist einfach nur Horizont, so wie die Malerei einfach nur Farbe ist, das eigentliche Thema der Malerin, dem sie sich schon seit langer Zeit widmet. Die Erinnerung an ihre Reisen ist eine sinnliche, die sie sich in ihrem Inneren bewahrt hat.

Sie malt weder einen wirklich existierenden Sonnenuntergang, noch einen, den es einmal gegeben hat. Sie malt noch nicht einmal die Darstellung eines Sonnenuntergangs, vielmehr ist sie es, die auf ihrem Blatt malend die Sonne untergehen lässt. Sie kann sich so an die Summe aller Sonnenuntergänge aller ihrer Reisen und in ihrem Leben meditierend erinnern. An die Sonnenuntergänge vergangener Tage. Stefan Lausch